Kreativität und KI: Rückschau auf die Ars Eletronica

Ars Electronica

Bildquelle: Kristina Bodrozic-Brnic

Ars Electronica


18. September 2026 | Von Kristina Bodrozic-Brnic

Was Unternehmen von der Ars Electronica über den Umgang mit Künstlicher Intelligenz lernen können

Wer auf die Ars Electronica fährt, erwartet Kunst, Technologie, Experimente und wahrscheinlich auch gewisse Einblicke in die Zukunft sowie möglicherweise auch einige Antworten bezüglich des Themas verantwortungsvoller KI-Aneignung.

Unser Blick richtete sich in diesem Jahr also weniger darauf, was technisch alles möglich ist. Viele Arbeiten beschäftigten sich mehr damit, wie Technologie unsere Wahrnehmung, unsere Beziehungen und unsere Vorstellungen von Verantwortung verändert. Hierin liegen einige spannende Verbindungen zu unternehmerischen Fragestellungen, die wir Ihnen in diesem Artikel mitgeben möchten.

KI ist in Unternehmen oft viel unspektakulärer angenommen worden, als es die großen Debatten vermuten lassen. Beispielsweise nutzen Mitarbeitende und Führungskräfte generative KI für erste Entwürfe, lassen Texte zusammenfassen oder übersetzen, und Marketingabteilungen experimentieren mit Bildern und Automatisierungen. Vieles entsteht pragmatisch aus dem Arbeitsalltag heraus. Deshalb braucht es irgendwann eine gemeinsame Verständigung darüber, wie GenKI im eigenen Unternehmen eigentlich genutzt werden soll. Nicht nur technisch, sondern auch kulturell und organisatorisch.

Die Ars Electronica – Verbindung von Kunst und Technik

Die Ars Electronica in Linz (Österreich) zeigt seit den 1970ern Innovation im kreativen Arbeiten mit Technologie. Kunst, Forschung, und kreative Bildungslösungen dürfen irritieren, übertreiben und Fragen stellen, die im Unternehmensalltag häufig zu kurz kommen. Einige dieser Fragen lassen sich erstaunlich direkt auf die KI-Nutzung in Unternehmen übertragen.

Authentizität als Wettbewerbsvorteil

Eine Arbeit, die viele Besucher anzog, war „Wicked Mirror“ von Andreas Refsgaard und Sofie Burgos Thorsen.

Innerhalb kurzer Zeit entsteht aus einer Aufnahme ein virtuelles Double, das der Person vor der Kamera sehr ähnlich sieht, auch sehr ähnlich spricht, und auch gerne die ein oder andere vor der Kamera getroffene Aussage verfremdet und ins Absurde führt.

Bildquelle: Andreas Refsgaard.

Technisch ist das faszinierend, gleichzeitig wird unmittelbar deutlich, wie schnell Bild, Stimme und Identität heute reproduzierbar werden. Für Unternehmen ist das nicht nur eine Frage von Deepfakes oder möglichem Missbrauch, sondern berührt ganz grundsätzlich die Glaubwürdigkeit der eigenen Kommunikation.

Gerade mittelständische Unternehmen verfügen über etwas, das sich nicht beliebig generieren lässt: gewachsenes Fachwissen, konkrete Erfahrungen, persönliche Kundenbeziehungen und eine eigene Unternehmenskultur. KI kann helfen, dieses Wissen aufzubereiten, Inhalte schneller zugänglich zu machen oder Kommunikation zu unterstützen. Die entscheidende Aufgabe bleibt jedoch beim Menschen: bewusst zu entscheiden, wo der Einsatz von KI sinnvoll ist und wo es gerade deshalb wichtig ist, einen Menschen selbst sprechen, erklären oder Haltung zeigen zu lassen. Authentizität bedeutet deshalb nicht, auf KI zu verzichten. Sie bedeutet, die Steuerung nicht aus der Hand zu geben und immer wieder zu fragen, welche Form der Kommunikation durch KI tatsächlich besser wird und an welchen Stellen die erkennbare menschliche Perspektive selbst einen Wert darstellt.

Ergebnisse einordnen statt einfach übernehmen

Eine andere Arbeit hat sich mit einer ganz anderen Frage beschäftigt. Eine chinesische Studentin, die unter dem Namen huzei.eins künstlerisch aktiv ist, ließ Besucher:innen vor einer Kamera Platz nehmen. Ein System interpretierte anschließend deren vermeintliche Gefühlslage. Interessant war weniger, ob diese Einschätzungen technisch überzeugend waren. Spannender war zu beobachten, wie Menschen auf eine solche maschinelle Interpretation reagieren. Sobald ein System beispielsweise Traurigkeit erkannte, begannen manche Besucher:innen darüber nachzudenken, ob sie vielleicht tatsächlich traurig seien.

Das verweist auf ein wichtiges Thema für den betrieblichen Umgang mit KI: Ergebnisse wirken schnell objektiver, wenn sie von einem KI-System ausgegeben werden. Aber Achtung: Dabei bleibt der Output immer Ergebnis bestimmter Modelle, Daten und Annahmen. Das ist insbesondere dort relevant, wo KI zur Unterstützung von Entscheidungen eingesetzt wird. Unternehmen brauchen deshalb nicht nur Anwendungskompetenz, sondern auch Urteilskompetenz. Mitarbeitende sollten verstehen, dass ein KI-Ergebnis ein Vorschlag, eine Mustererkennung oder eine statistische Einordnung sein kann, aber nicht automatisch wahr ist.

Verantwortungsvolle KI-Nutzung bedeutet daher auch, immer wieder zu fragen, wie ein Ergebnis zustande kommt, wofür ein System geeignet ist und wo menschliche Prüfung notwendig bleibt. Solche Themen sollten in Unternehmen auch im Rahmen der Schulungspflicht nach Artikel 4 der KI-VO berücksichtigt werden.

Unterschiedliche Perspektiven für bessere Lösungen

Besonders stark in diesem Zusammenhang ist auch Voluspa Jarpas Arbeit mit dem Titel „Counter Cartographies of Resistence“. Die Arbeit zeigt Karten der amerikanischen Kontinententeile mit indigenen Bezeichnungen und Perspektiven und stellt damit scheinbar selbstverständliche geografische Ordnungen über Landesgrenzen infrage. Karten sehen objektiv aus, sind aber immer auch Ausdruck bestimmter Perspektiven und historischer Entscheidungen. Dasselbe lässt sich auf Datensätze übertragen, die immer nur einen Ausschnitt einer Geschichte zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einer bestimmten Perspektive (genderbezogen, geografisch, wirtschaftlich- oder politisch-orientiert, etc.) repräsentieren. Bei der Einführung von KI stellt sich deshalb nicht nur die Frage, ob eine Lösung funktioniert, sondern auch, welche Perspektiven in ihrer Entwicklung und Anwendung vorkommen. In Unternehmen können Mitarbeitende aus verschiedenen Bereichen unmittelbar in den Einführungsprozess einbezogen werden, Anwendungen kritisch prüfen und Rückmeldungen geben. Gemeinschaftliche KI-Entwicklung kann somit sehr einfach beginnen: Beschäftigte werden frühzeitig einbezogen, Nutzungsszenarien werden gemeinsam entwickelt und Erfahrungen werden offen diskutiert. So entsteht nicht nur höhere Akzeptanz. Häufig verbessert sich auch die Qualität der Anwendung, weil unterschiedliche Fachperspektiven sichtbar werden.

Ausprobieren, Erfahrungen sammeln und gemeinsam lernen

Eine sehr schöne Metapher dafür bot für mich „Metally Medows“ von Daniel Hans Walter. Vor metallischen Halmen standen zunächst Menschen, die nicht genau wussten, was sie damit tun sollten. Irgendwann begann jemand, sie zu berühren. Klänge entstanden. Andere kamen hinzu, probierten ebenfalls etwas aus und nach kurzer Zeit entstand eine gemeinsame kleine Improvisation.

Eben solche Momente fehlen zum Teil in der Diskussion über KI-Einführung. Organisationen beginnen schnell mit Strategien, Toollisten oder Richtlinien. Natürlich sind diese wichtig. Aber Kompetenz entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen über KI informiert werden. Sie entsteht auch durch gemeinsame Erkundung und Erfahrungen.

Unternehmen brauchen deshalb Räume, in denen Mitarbeitende Dinge ausprobieren dürfen, ohne dass unmittelbar ein messbares Ergebnis entstehen muss. Was funktioniert? Wo scheitert ein System? Welche Aufgaben werden tatsächlich leichter? Wo entsteht zusätzliche Arbeit? Und welche Tätigkeiten möchten Menschen bewusst nicht an ein System delegieren? Hierfür eignet sich unsere humanAIze-Methode ebenfalls sehr gut im Rahmen der Schulungspflicht der KI-VO.

Aus solchen gemeinsamen Erfahrungen könnte anschließend eine betriebliche KI-Praxis entstehen, die sehr viel besser zur Organisation passt als eine von außen übernommene Musterlösung.

Zwischen Effizienz und Identität: KI bewusst gestalten

Viele Arbeiten auf der Ars Electronica zeigten sich zugleich deutlich kritisch gegenüber aktuellen technologischen Entwicklungen. Bias, Überwachung, Kriege, Machtkonzentration und die Rolle großer Technologieunternehmen tauchten in unterschiedlichen Formen auf. Man könnte darin Technikskepsis sehen. Aber diese Arbeiten schaffen so auch einen Gegenpol zu einer häufig sehr effizienzorientierten Diskussion.

Auch in Unternehmen wird KI meist zuerst über Zeitersparnis und Produktivität diskutiert. Das ist nachvollziehbar. KI kann Prozesse beschleunigen, Routineaufgaben unterstützen und neue Formen der Wertschöpfung ermöglichen. Trotzdem sollte neben der Frage „Was wird schneller?“ immer auch die Frage stehen: „Was alles verändert sich dadurch?“

Besonders mittelständische Unternehmen sollten ihre Stärke nicht darin suchen, möglichst viel KI-generierten Content zu produzieren. Ihre Stärke liegt häufig in Nähe, Fachlichkeit und Vertrauen. KI kann helfen, diese Stärken sichtbar zu machen. Sie sollte sie nicht überdecken.

Mit KI neue Perspektiven gewinnen

Auch die Arbeit „Parallel World – Moth Colour Vision“ vom Künstler*innen-Kollektiv Lucca, Raza, Schretter und Ilić blieb uns im Gedächtnis. Die Arbeit versucht, die Welt der Blüten aus der Wahrnehmung einer Motte sichtbar zu machen. Natürlich wissen wir, dass andere Lebewesen die Welt anders wahrnehmen. Trotzdem verändert es etwas, diese andere Perspektive visuell ganz nah zu erfahren.

Auch das kann eine interessante Nutzungsmöglichkeit von KI für Unternehmen sein: KI muss nicht nur dazu dienen, schneller zu einer Antwort zu kommen. Sie kann auch genutzt werden, um zusätzliche Perspektiven zu erzeugen. Wie könnte eine Kundin eine Entscheidung wahrnehmen? Welche Einwände könnte ein Mitarbeitender haben? Welche Risiken sieht jemand aus Datenschutz oder IT-Sicherheit? Welche Perspektive fehlt bislang vollständig?

Abschließend sei gesagt: Entscheidend ist bei der Einführung und Nutzung von KI in Unternehmen eine Kultur, in der Mitarbeitende Fragen stellen dürfen, in der Zweifel an einem KI-Ergebnis nicht als Technikfeindlichkeit gelten, in der offen darüber gesprochen wird, wo KI eingesetzt wird und wo nicht. Und in der Verantwortung nicht an das System delegiert wird.

Kontaktmöglichkeit

Kristina Bodrozic-Brnic

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