Verantwortungscluster unternehmerischer digitaler Verantwortung

Gruppe, die zusammen um einen Computer sitzen


22. September 2022 | Von Marie Graw

Was Saskia Dörr, Gründerin von WiseWay und Expertin auf dem Gebiet CDR („Corporate Digital Responsibility“), unter den Verantwortungsclustern der unternehmerischen digitalen Verantwortung versteht, wollen wir Ihnen in diesem Artikel erklären. Für Unternehmen ist es wichtig zu verstehen, was hinter den Begriffen steht, um im Unternehmen den Status Quo bezüglich der Verantwortungscluster bestimmen und anschließend weiterführende Aktivitäten planen zu können.

Dieser Artikel ergänzt die 6 Schritte einer CDR-Strategie. Die Verantwortungscluster entstehen aus den unerwünschten Nebenwirkungen der Digitalisierung und dieser Artikel soll helfen, ein Grundverständnis für die Bedeutung dieser Cluster zu bekommen und auf den Folgeartikel „Status Quo ermitteln – Schritt 3 einer CDR-Strategie“ vorzubereiten.

Wir verwenden den Begriff „unternehmerische digitale Verantwortung“ sowie dessen englische Übersetzung „Corporate Digital Responsibility“ mit der Abkürzung „CDR“ gleichbedeutend.

Digitale Mündigkeit

Für Unternehmen bedeutet digitale Mündigkeit das Bereitmachen der Gesellschaft auf das Digitalzeitalter mittels Bildungs- und Aufklärungsangeboten. Dies könnte durch Öffentlichkeitsarbeit und insbesondere durch die Ansprache der Mitarbeitenden geschehen. Ziel ist es, dass Jedermann Verantwortung für das eigene Handeln in der digitalen Welt zu übernehmen kann.

Digitale Vielfalt

Digitale Vielfalt beschreibt die Inklusion aller an den Vorteilen der digitalen Welt. Unternehmen können sich bspw. durch die barrierefreie Gestaltung von Apps und Services, die Ermöglichung des Zugangs zum Internet und digitalen Services durch die Bereitstellung adäquater technischer Ausstattung, die Ermöglichung der Nutzung des Angebotes auf analoge Art, das Angebot von Hilfestellungen für die Nutzung digitaler Angebote und den aktiven Einbezug von Personengruppen in diesem Bereich engagieren.

Neu belebte Ehrbarkeit

Die Gemeinschaft sollte bei der Entwicklung und Nutzung innovativer digitaler Technologien und datengenerierten Wertschöpfung berücksichtigt und mit einbezogen werden. Eine Orientierungshilfe können die Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns sein.

Der ehrbare Kaufmann ist innerhalb seines Unternehmens ein Vorbild, schafft innerhalb seines Unternehmens die Voraussetzungen für ehrbares Handeln und plant sein unternehmerisches Handeln langfristig, zukunftsorientiert und nachhaltig. In der Wirtschaft und Gesellschaft setzt er daran, den Rahmen für ehrbares Verhalten zu schaffen, was durch das Prinzip von Treue und Glauben, die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung und den Eintritt für seine Werte gekennzeichnet ist.

„Open up & Share“

„Open Up” bezieht sich auf die Förderung produktiver Aspekte des Konsumierens bzw. des gemeinsamen Konsums sowie der Emanzipation von Verbraucher*innen durch digitale Plattformen. Transparenz und Information sind hier Stichworte. Mit „Share“ ist gemeint, dass der Ressourcenverbrauch reduziert wird, bspw. durch „Sharing Economy“ – also das Leihen anstelle des Kaufens.  Für Unternehmen bedeutet das Engagement in diesem Bereich, dass Ressourceneinsparungen und -effizienz sowie die Rückgabe an die Gesellschaft.

Zähmung der KI

Künstliche Intelligenz (KI) und autonome Systeme sollten in ihren Fähigkeiten und ihrer Nutzung beschränkt sein und kontrolliert werden. Speziell wenn es um automatisierte Entscheidungen im Unternehmenskontext geht, ist es wichtig, dass es klare Vorgaben und Regulierungen gibt. Zwar können KI und Algorithmen bei der Arbeit unterstützen, jedoch gibt es auch immer häufiger Probleme beim Einsatz von KI. Beispielsweise wurde in den Medien von der Überwachung von Amazon-Fahrer*innen mittels High-Tech-Überwachungssystemen oder der Beurteilung von Jobbewerber*innen anhand von Wandschmuck, Kopftuch oder Brille und die damit verbundene Stärkung von Stereotypen und Diskriminierung berichtet. Dieser Einsatz von KI gefährdet Gleichheit, Fairness, Würde, Persönlichkeitsschutz und Privatheit der Betroffenen. Das so etwas passieren kann, liegt auch an der Voreingenommenheit der KI, welche auf Basis von zugeführten Trainingsdaten entsteht.

Dieser Gefahren sollten sich Unternehmen, die KI nutzen, bewusstwerden, um Maßnahmen ergreifen zu können, damit die KI im Rahmen des Gewünschten agiert.

Digitale Nachhaltigkeit

Hier geht es vor allem darum, unternehmensinternes Wissen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Gemeint ist Wissen wie bspw. Artefakte, Daten und Algorithmen, die nicht (mehr) zur Wertschöpfung beitragen. Diese können Unternehmen dann bspw. mittels Open Source Software teilen und für alle zur Verfügung stellen.

Transformation der Arbeitsplätze

Unternehmen sollten ihre Arbeitsplätze im digitalen Wandel individuell gewinnbringend und sozial gestalten. Der Mensch sollte bei der Arbeitsplatztransformation im Mittelpunkt stehen. Bei immer mehr Arbeiten können digitale Technologien unterstützend wirken und besonders bei physikalisch anstrengenden Aufgaben den*die Arbeitnehmer*in entlasten und zum Schutze der Gesundheit beitragen. Ein wichtiger Punkt ist das Homeoffice, welches besonders durch die Corona Pandemie einen neuen Stellenwert erlangt hat. Laut der IDC Studie „Work Transformation in Deutschland 2021“ planen immer mehr Unternehmen mit einem neuen hybriden Arbeitsmodell – einer Mischung aus Arbeiten vor Ort und von Zuhause aus. Hier ist ein besonders kritischer Aspekt die Datensicherheit. Zum einen muss die Datenschutzgrundverordnung eingehalten werden, zum anderen hat der – praktisch über Nacht stattgefundene – Wechsel zum Arbeiten von zu Hause aus, Cyberkriminellen eine große Chance geboten. Hier gilt es für Unternehmen, Standards zu setzen und sich mit Themen wie Passwortmanagern, Multifaktor-Authentifizierungen, Gateway-Zugriffe, IAM und Endpoint-Security-Lösungen auseinanderzusetzen.

Persönlichkeitsschutz im Netz

Unternehmen müssen auch im Internet Grundrechte wie Persönlichkeitsschutz und Menschenwürde der Nutzer*innen achten. Dies gilt besonders gegenüber Kindern und andere Schutzbefohlenen. Hier geht es für Unternehmen insbesondere darum, Verhalten nicht oder nur beschränkt zu kommerzialisieren. Gemeint ist die Analyse von Verhaltensmustern durch bspw. KI, mit dem Zweck (potenziellen) Kund*innen mit individualisierter Werbung zum Kauf von Produkten und Dienstleistungen zu bewegen. Aber auch das Thema Preisdiskriminierung – also die Anpassung der Preise an individuelle Kund*inneninformationen – sollte vermieden werden.

Datenermächtigung

Bei der Implementierung unternehmerischer digitaler Verantwortung im Unternehmen ist es wichtig, Aspekte wie Respekt vor der Datensouveränität der Nutzer*innen sowie die Stärkung des digitalen Verbraucher*innenschutzes zu beachten. Um dem Kund*innendatenmissbrauch vorzubeugen, sollte die Kontrolle über personenbezogene Daten bei den jeweiligen Nutzer*innen liegen, nicht bei den Unternehmen. Zentraler Begriff ist hier die „Data Governance“. Sie beschreibt Rahmenbedingungen und Regelungen von Entscheidungsrechten und Zuständigkeiten hinsichtlich der Nutzung von Daten in Unternehmen. Bei Data Governance wird die Datennutzung durch Menschen, Technologien und Prozesse berücksichtigt und geregelt. Wenn es um die Rückgabe der Kontrolle über die Kund*innendaten an die Kund*innen geht, dann spielt die Implementierung einer Data Governance im Unternehmen eine wichtige Rolle. Auch die Idee der „Privacy by Design“ ist zentral. Bei diesem Ansatz liegt der Fokus darauf, dass Technologien schon bei ihrem Design bzw. bei ihrer Entwicklung so gestaltet werden, dass sie Datenschutzmaßnahmen (DSGVO) berücksichtigen. „Privacy by Default“ bezieht sich wiederum darauf, dass Technologien bereits ab Werk, also bei der Herstellung, datenschutzfreundlich eingestellt werden. Diese Maßnahme richtet sich vor allem an Nutzer*innen, die weniger technikaffin sind.

Design für mehr Menschlichkeit

Unternehmen sollten die positive menschliche Interaktion und Kommunikation fördern und auch die Demokratie und Gemeinschaft im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, stärken. Es geht vor allem darum, Ausgrenzung, Hass und Diskriminierung zu unterbinden. Für Unternehmen bedeutet dies, bei der Nutzung von sozialen Medien nicht nur selbst für mehr Positivität und Menschlichkeit zu sorgen, aber auch drauf zu achten, dass Follower*innen und Interagierende dies ebenfalls tun. Für Unternehmen die Apps entwickeln, könnten auch die „Human Design Guides“ eine wichtige Stütze sein, um ein menschenorientiertes App-Design zu schaffen.

Social Impact durch Förderung von digitalen sozialen Start-Ups/Unternehmen

Gemeint ist die Förderung digitaler Geschäftsmodelle, die sich mit nachhaltigkeitsorientierten Themen beschäftigen. Durch die Beteiligung an digitalen und sozialen Start-Ups/Unternehmen können Unternehmen an innovativen Geschäftsideen teilhaben und diese für sich nutzen. Auch können Unternehmen so neue Märkte erschließen, neues Wissen erlangt und neue Innovationen entwickeln sowie einen Beitrag zum Wohlbefinden der Gesellschaft leisten.

Exkurs: soziales Start-Up
Ein soziales Start-Up kann als eine Mischung aus Unternehmen/Start-Ups, die eine ausschließlich soziale Mission haben (bspw. Ärzte ohne Grenzen) und bei denen sich Gewinne (wenn sie denn überhaupt erwirtschaftet werden) unterordnen und Unternehmen/Start-Ups, bei denen die Gewinnmaximierung an oberster Stelle steht verstanden werden. Die Grundidee ist, ein gesellschaftliches Problem zu lösen, etwas für die Gesellschaft zu tun und dennoch ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen zu führen. Darüber hinaus soll der gesellschaftliche Beitrag nicht nur im Endprodukt widergespiegelt werden, sondern auch bei der Produktion dieses soll ein gesellschaftlicher Beitrag geleistet werden.

Technologieeinsatz für SDG

Unternehmen sollen einen Beitrag zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele durch den Einsatz von Digitaltechnologien leisten. Speziell geht es darum, dass Unternehmen einen Beitrag leisten, die Klimaziele, die bis 2030 von der Bundesregierung gesetzt wurden, auch zu erreichen. Die Nachhaltigkeitsziele sind die folgenden:

Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung
Die Bundesregierung (2022). Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Online verfügbar unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/nachhaltigkeitsziele-erklaert-232174

Ethisches Marketing

Während traditionelles Marketing (potenzielle) Kund*innen dazu überreden soll etwas zu kaufen, sollen (potenzielle) Kund*innen bei ethischem Marketing durch Transparenz, Achtsamkeit und Authentizität bei bewussten (Konsum-) Entscheidungen unterstützt werden.

Um Marketing ethischer zu gestalten sollten Unternehmen über ihre (online) Werbestrategien nachdenken. Häufig sollen Marketingstrategien ausschließlich der Absatzsteigerung dienen, jedoch werden Klima- und Umweltaspekte meist hintenangestellt. Ein Konsumanstieg bedeutet auch einen erhöhten Ressourcen- und Energieverbrauch, welcher nicht ökologisch vertretbar ist. Wir merken heutzutage bereits: Handys werden nach nur wenigen Jahren weggeschmissen oder ausgetauscht und Kleidung wird günstig gekauft, selten getragen und nach kurzer Zeit wieder entsorgt. Unternehmen sollten dieses Verhalten durch ihr Marketing nicht stärken, sondern den*die Konsument*in viel mehr zu einem Umdenken bewegen.

Zero Waste

Zero Waste – also die Müllvermeidung durch die Verlängerung der Produktlebenszyklen, ermöglicht durch Digitalisierungstechnologien – ist mit diesem Handlungsfeld gemeint. Auch der Aufbau von Geschäftsmodellen gemäß der „Circular Economy“ – der Kreislaufwirtschaft – gehören zu dem Beitrag, den ein Unternehmen zum Klima- und Umweltschutz leisten kann.

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Auf diese Weise wird der Lebenszyklus der Produkte verlängert.

Europäisches Parlament (2022). Kreislaufwirtschaft: Definition und Vorteile. Online verfügbar unter: https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/economy/20151201STO05603/kreislaufwirtschaft-definition-und-vorteile

Ökologischer digitaler Fußabdruck

Das Management des „ökologischen Fußabdrucks“ der eigenen direkten und indirekten Informations- und Kommunikationstechnologiennutzung beinhaltet die Reduktion der negativen Umwelt- und Klimawirkungen. Da die Welt zunehmend globalisiert und vernetzt ist, werden auch die Datenmengen stetig größer. Diese Unmengen an Daten liegen auf Servern, welche gekühlt werden müssen, was wiederum einen größeren Energiebedarf und mehr Emissionen bedeutet. Für Unternehmen gilt es, Emissionen und Datenmengen zu minimieren, um den ökologischen digitalen Fußabdruck möglichst gering zu halten.

Fazit

Diese 15 Verantwortungscluster sollen zeigen, in welchen Bereichen Sie mit ihrem Unternehmen tätig werden können, um unternehmerische digitale Verantwortung zu übernehmen. Die Verantwortungscluster gelten als Antwort auf die 15 unerwünschten Nebenwirkungen der Digitalisierung, die wir im Artikel „Schritt 2: unerwünschte Nebenwirkungen der Digitalisierung beobachten“ beschrieben haben. Wie Sie mit ihrem Unternehmen in den unterschiedlichen Verantwortungsclustern tätig werden können, werden wir Ihnen in den nachfolgenden Artikeln erläutern. Zunächst sollten Sie jedoch den Status Quo im Unternehmen in Hinblick auf die Verantwortungscluster ermitteln. Im Folgeartikel „Status Quo ermitteln – Schritt 3 einer CDR Strategie“ stellen wir Ihnen für jedes Verantwortungscluster eine exemplarische Methode zur Status Quo Analyse vor.

SCHLAGWORTE