Wer die Debatte über Frauen in Führung für überholt hält, verkennt die Realität. Aktuelle Erfahrungen zeigen deutlich: Strukturelle Hürden bestehen weiterhin – auch im unternehmerischen Kontext und gerade in entscheidenden Wachstumsphasen.
- Beim Pitch-Dinner fällt die Frage: „Und wo sind eigentlich eure Männer?“
- Verhandlungen verlaufen vielversprechend – bis Investoren erkennen, dass das Team ausschließlich aus Frauen besteht.
- In gemischten Teams verschiebt sich die Kommunikation, sobald ein männlicher Co-Gründer hinzukommt – fachliche Gespräche werden plötzlich bevorzugt mit ihm geführt.
Diese Situationen sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck wiederkehrender Muster. Genau deshalb ist das Thema hochaktuell – nicht nur gesellschaftlich, sondern vor allem wirtschaftlich. Insbesondere für den Mittelstand lohnt sich ein genauer Blick.
Denn parallel dazu zeigt die Datenlage ein anderes, oft unterschätztes Bild: Unternehmen, die von Frauen geführt werden oder divers aufgestellt sind, erzielen häufig bessere Ergebnisse als homogene Teams. Studien verweisen auf eine um 30–60 % höhere Effizienz pro eingesetztem Kapital. Diversität ist damit kein normatives Ideal, sondern ein messbarer wirtschaftlicher Vorteil.
Der Engpass liegt dabei nicht in fehlender Qualifikation, sondern in strukturellen Rahmenbedingungen. Frauen sind weiterhin seltener in Führungspositionen vertreten, erhalten weniger Risikokapital und haben geringeren Zugang zu unternehmerisch relevanten Netzwerken. Der sogenannte „Broken Rung“-Effekt verhindert bereits früh im Karriereverlauf den Aufstieg und wirkt langfristig nach: Wer nicht sichtbar wird, wird auch seltener finanziert oder in Schlüsselpositionen gebracht.
Gerade im Mittelstand ergeben sich daraus jedoch konkrete Chancen. Zwei Zugänge sind besonders relevant: Unternehmensnachfolge und Gründung.
Die Unternehmensnachfolge ermöglicht einen direkten Einstieg in bestehende Strukturen mit erprobten Geschäftsmodellen und gewachsenen Kundenbeziehungen. Gleichzeitig eröffnet sie die Chance, Unternehmen strategisch weiterzuentwickeln und neue Impulse zu setzen.
Gründungen hingegen bieten Raum, Innovation, Zusammenarbeit und Führung von Beginn an neu zu gestalten – oft agiler, digitaler und stärker werteorientiert. Beide Wege sind wirtschaftlich relevant, werden jedoch bislang nicht systematisch ausgeschöpft.
| Top 3 Erkenntnisse Strukturelle Barrieren wirken fort Vorurteile und ungleiche Zugänge zu Kapital und Netzwerken beeinflussen Gründung und Wachstum bis heute. Diversität ist ein Wettbewerbsvorteil Frauen-geführte oder gemischte Teams arbeiten oft effizienter und wirtschaftlich erfolgreicher. Der Mittelstand verfügt über erhebliches ungenutztes Potenzial Bis 2030 suchen über 100.000 Unternehmen eine Nachfolge – eine große Chance für Unternehmerinnen. |
Wie dieses Potenzial konkret genutzt werden kann, zeigen aktuelle Praxisbeispiele:
Valérie Gott ist Mitgründerin des Berliner Start-ups reoat, das nachhaltige Haferprodukte entwickelt und damit zeigt, wie Food-Innovation und Klimabewusstsein wirtschaftlich zusammengehen können. Beim vom Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur, dem Institute for Digital Transformation and Innovation (IDTI) der BSP Business and Law School und der Initiative FRAUEN unternehmen gemeinsam durchgeführten „Kaminabend: Frauen führen – weibliches Entrepreneurship stärken!“ wurde sie von ihrem Co-Gründer Benjamin Binder vertreten. Dieser gab Einblicke in die praktische Umsetzung und den Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt.
Dr. Julia Kleeberger, Gründerin der mycelia gGmbH und Teil des internationalen Netzwerks Ashoka, zeigte eindrucksvoll, wie sich Bildung, Künstliche Intelligenz und gesellschaftlicher Wandel verbinden lassen – und wie unternehmerisches Denken gezielt für sozialen Impact eingesetzt werden kann. Als Vorbildunternehmerin der BMWE-geförderten Initiative FRAUEN unternehmen brachte sie zudem eine wichtige Perspektive auf Sichtbarkeit und Rolle von Unternehmerinnen ein.
Diese Beispiele verdeutlichen: Weibliches Entrepreneurship ist längst Realität – aber noch nicht selbstverständlich in Wahrnehmung und Förderung. Um dieses Potenzial systematisch zu erschließen, braucht es gezielte Veränderungen: mehr Sichtbarkeit für Unternehmerinnen, besseren Zugang zu Kapital, stärkere Netzwerke und Räume für Austausch und Zusammenarbeit. Denn unternehmerischer Erfolg entsteht nicht allein durch individuelle Leistung, sondern durch Rahmenbedingungen, die diese Leistung ermöglichen und skalierbar machen. Die Frage ist also längst nicht mehr, ob weibliches Entrepreneurship relevant ist – sondern warum es wirtschaftlich noch immer unterschätzt wird. Wer weiterhin zögert, riskiert, dass andere schneller handeln und die besseren Entscheidungen treffen. Denn in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Umfeld wird nicht Ideologie belohnt, sondern Effizienz. Und die spricht in diesem Fall eine klare Sprache.
Stimmen zum Kaminabend
Iris van Baarsen, Leadership-Coachin aus Brandenburg, beschreibt, was der Kaminabend bei ihr ausgelöst hat:
„Ich bin seit vielen Jahren selbstständig – lange eher in Teilzeit, mit einem Standbein. Jetzt richte ich mich mit beiden Beinen unternehmerisch aus. Für mich war besonders spannend, den Unterschied zwischen Soloselbstständigkeit und Entrepreneurship noch einmal klarer zu verstehen. Die Geschichten der Gründer*innen haben mich sehr inspiriert – vor allem die Frage, wie Wachstum gelingen kann, ohne die eigene Identität und die eigenen Werte zu verlieren.“
Prof. Dr. Thomas Thiessen, Konsortialleiter des Mittelstand-Digital Zentrums Zukunftskultur, betont:
„Unser eigenes Team besteht zu einem großen Teil aus weiblichen Führungskräften. Für unsere Gesellschaft sollte das heute keine Besonderheit mehr sein, sondern Ausdruck einer zeitgemäßen Unternehmenskultur. Gleichzeitig wissen wir: Wandel passiert nicht von heute auf morgen. Gerade bei Führungsthemen müssen wir früh ansetzen – in Bildung, Qualifizierung und Unternehmenskultur. Führung darf nicht als männlich oder weiblich codiert sein, sondern muss für alle Geschlechter selbstverständlich denkbar und erreichbar werden.“
Lea Diesner, Wirtschaftspsychologin und Absolventin der BSP Business and Law School, ergänzt:
„Besonders wichtig fand ich den Austausch über die Bedeutung von Frauen-Netzwerken und gegenseitiger Unterstützung. Gerade solche Netzwerkformate können entscheidend dabei helfen, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und neue Perspektiven zu gewinnen. Besonders inspirierend fand ich das Beispiel eines Unternehmens, das ausschließlich von Frauen aufgebaut wurde und gezeigt hat, wie erfolgreich und innovativ Frauen gemeinsam etwas Großes schaffen können. Das hat mir erneut verdeutlicht, wie wichtig es ist, Frauen gezielt zu fördern und sichtbarer zu machen.“
