KI-Einstieg im Ingenieur- und Planungswesen

Bildquelle: Karoline Karl / ChatGPT


8. Mai 2026 | Von Anne Lammich, Karoline Karl

„Zeit ist knapp – und sich Zeit rauszunehmen ist schwierig. Aber die Geschwindigkeit ist so rasant: Wenn man nicht mitgeht, hat man den Anschluss verloren. Gleichzeitig werden private KI-Tools schon aktiv von Mitarbeitenden genutzt, oft ohne Regeln, Vorsichtsmaßnahmen oder Wissen der Geschäftsführung, die am Ende die Verantwortung trägt.“ – Teilnehmer aus einem Workshop

Diese Aussage beschreibt treffend, in welcher Situation sich viele Unternehmen im Ingenieur- und Planungswesen befinden. Künstliche Intelligenz bietet enorme Potenziale, und obwohl eine Grundlage in vielen Fällen bereits vorhanden ist, fehlen klare Strategien, Strukturen und ein sicherer Umgang mit der Technologie.

An diesem Punkt setzt das KI-Anwendungsprojekt „KI-Einstieg für Ingenieur- und Planungswesen“ an: Mehrere Unternehmen entwickeln gemeinsam einen strukturierten Zugang zu KI. Dabei geht es nicht um vorgefertigte Lösungen, sondern um gezielte Impulse, methodische Ansätze und die Umsetzung in der eigenen betrieblichen Praxis. Ziel ist es, die teilnehmenden Unternehmen zu befähigen, ihren eigenen Weg hin zum KI-Einsatz zu entwickeln und daraus übertragbare Ansätze für die Branche abzuleiten.

Übersicht

AUSGANGSLAGE

Das Ingenieur- und Planungswesen der Baubranche ist in vielen Bereichen noch wenig digitalisiert und viele Abläufe funktionieren weiterhin analog. Digitale Technologien wie BIM und KI sind zwar punktuell im Einsatz oder werden diskutiert, jedoch selten systematisch und konsequent in bestehende Prozesse und den Gesamtprozess integriert. Erschwerend kommt hinzu, dass häufig mit unterschiedlichen Programmen, Dateiformaten und Standards gearbeitet wird – sowohl innerhalb der Büros als auch zwischen den diversen Gewerken und Akteuren, die an einem Bauprojekt beteiligt sind. Dadurch sind durchgängige digitale Prozesse schwer umzusetzen. Und doch gibt es bereits erste Initiativen, die sich aktiv mit der Thematik auseinandersetzen, betroffene Akteure vernetzen und gemeinsam Lösungswege erarbeiten. Das sind beispielsweise Fokus- und Arbeitsgruppen in Architektur- und Ingenieurskammern oder Initiativen wie die BIM-Allianz.

Die teilnehmenden Unternehmen aus dem Ingenieur- und Planungswesen starten mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und Voraussetzungen in die gemeinsame Reise: vom unregulierten und intransparenten Einsatz privater KI-Tools unter den Mitarbeitenden über erste Tests mit ausgewählten KI-Lösungen für das Unternehmen bis hin zur aktiven Nutzung verschiedener Tools und ersten unternehmensinternen KI-Richtlinien – die Erfahrungswerte der teilnehmenden Unternehmen sind vielfältig.

Im Projekt entstand ein Vertrauensraum für Austausch, Reflexion und zum gemeinsamen Lernen.  Hier ging es vor allem darum, Licht in den „KI-Dschungel“ zu bringen und einen strukturierten, verantwortungsvollen Umgang mit KI im eigenen Unternehmen zu erarbeiten.

HERAUSFORDERUNGEN

Im Austausch wird deutlich, dass die Grundlage für den Einsatz von KI in vielen Unternehmen bereits vorhanden ist. Allerdings zeigen sich auch übergreifende Herausforderungen:

  • Fehlende Orientierung angesichts einer Vielzahl an KI-Tools und -Lösungen
  • Fehlende Orientierung im praktischen Umgang mit KI
  • Unkoordinierte und unregulierte Nutzung von sogenannter „Schatten-KI“ über private Zugänge der Mitarbeitenden zu KI-Tools
  • Unsicherheit und Bedenken zur Sicherheit im Hinblick auf rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen
  • eine fehlende strukturierte Herangehensweise an die Umsetzung
  •  Zeitdruck und Ressourcenmangel

Auch das „Mitnehmen“ der Mitarbeitenden auf dem Weg hin zur KI-Nutzung stellt sich als zentrale Herausforderung dar. Denn selbst dort, wo bereits Richtlinien und Leitfäden bereitgestellt werden, müssen diese auch aktiv von den Mitarbeitenden wahrgenommen und umgesetzt werden.

Viele am Markt verfügbare KI-Lösungen sind zudem nicht auf die spezifischen Anforderungen des Ingenieur- und Planungskontexts ausgelegt. Fachliche Präzision, Normen, spezielle Dateiformate, projektspezifische Anforderungen und Datensicherheit werden häufig nur unzureichend berücksichtigt.

Trotz begrenzter Ressourcen, fehlender KI-Strukturen und bestehender Unsicherheiten entscheiden sich die am Anwendungsprojekt beteiligten Unternehmen bewusst dafür, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um Orientierung zu gewinnen, Potenziale zu verstehen und einen erfolgreichen Einstieg in die Welt der KI-Nutzung zu entwickeln.

IDEEN UND BEDENKEN

„Droht uns eine Discounter-Architektur vom KI-Fließband?“ – Teilnehmer aus dem KI-Anwendungsprojekt

Die Diskussionen innerhalb des Projekts zeigen ein klares Spannungsfeld:

  • Einerseits besteht der Wunsch nach Effizienz und Entlastung „um wieder mehr Zeit für die kreativen und spaßigen Aufgaben zu haben“.
  • Andererseits gibt es Unsicherheit und Sorge um den Umgang mit Daten und Ergebnissen: „Ich will gar nicht wissen, mit welchen sensiblen Daten die Maschinen schon gefüttert wurden.“  – Teilnehmerin aus dem KI-Anwendungsprojekt

Auch innerhalb der Teams in den Unternehmen zeigen sich Unterschiede:

  • Es gibt experimentierfreudige Mitarbeitende, die KI aktiv ausprobieren und
  • es gibt Mitarbeitende, die sich zurückhalten oder KI-Einsatz am Arbeitsplatz ablehnen, z. B. aufgrund von Unsicherheit oder Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz

Im Austausch zeigt sich sehr deutlich: KI lässt sich nicht mehr aufhalten.

„KI-Nutzung ist kein Wettbewerbsvorteil mehr, Nicht-KI-Nutzung ist ein Wettbewerbsnachteil! Und das, obwohl wir die echten Vorteile gar nicht kennen.“ – Teilnehmer

Die Bedenken bestehen vor allem im fehlenden Bewusstsein der Nutzenden für einen sicheren Umgang: „Auch bei Unwissenheit macht man sich strafbar und am Ende tragen wir als Geschäftsführung die Verantwortung.“ Die zentrale Frage: Wie kann man einen entsprechenden Rechtsrahmen und Arbeitsanweisungen schaffen und Mitarbeitende aktiv mitnehmen?

„Man muss die Leute an die Hand nehmen.“ – Teilnehmerin

Einige der Unternehmen testen bereits Lösungsansätze, um ihre Mitarbeitenden beim Umgang mit KI anzuleiten: In einem der kleineren beteiligten Unternehmen mit zehn Mitarbeitenden wird das persönliche Gespräch mit mündlichen Arbeitsanweisungen zum Umgang mit KI gewählt. In einem der größeren Unternehmen mit ca. 100 Mitarbeitenden dagegen liegen zwar schriftliche Anweisungen als Dokumente vor, hier hat aber die Erfahrung gezeigt, dass diese in der Praxis kaum gelesen werden. Ein weiterer vorgeschlagener Lösungsansatz wäre, eine gänzlich unternehmensinterne KI einzusetzen, bspw. ein Custom GPT, welches auf den hauseigenen Servern läuft und die Datenschutzproblematik lösen würde. Dies scheitert jedoch schnell an der Kosten- und Aufwandsfrage – und zwar nicht unbedingt, weil die Bereitschaft zur Investition fehlt, sondern aufgrund der Unklarheit darüber, wie genau man die Investitionsentscheidung treffen und begründen kann. Letztlich ist der menschliche Aspekt wesentlich: „Wer nutzt die KI und wer prüft die Ergebnisse?“

UNTERSTÜTZUNG

Das Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur begleitet die teilnehmenden Unternehmen als strukturierender Partner und bietet neben informativen Impulsen methodische Ansätze und Hilfsmittel zur Anwendung auf den eigenen Unternehmensfall. Für das notwendige Hintergrundwissen wurden Fachexpert*innen aus den Mittelstand-Digital Zentren Bau, Handwerk und Zukunftskultur hinzugezogen.

Im Anwendungsprojekt wurden folgende drei Schritte gegangen:

Schritt 1 – Identifikation von KI-Handlungsbedarfen

  • Grundlagen und Einordnung von KI im Unternehmenskontext
  • KI-Readiness-Check: Reflexion zur Bereitschaft, KI im eigenen Unternehmen einzusetzen 
  • Rechtliche Rahmenbedingungen gemäß der europäischen KI-Verordnung
  • Praxisbeispiele aus der Baubranche & mögliche Einsatzfelder

Schritt 2 – Identifikation von KI-Use Cases

Schritt 3 – Strategischer Einstieg in die KI-Nutzung

  • Kennenlernen methodischer Ansätze zur Strategieentwicklung
  • Roadmap zur Einführung von KI im eigenen Unternehmen entwickeln
  • Anforderungsprofil für KI-Anwendungen und -Anbieter erstellen

Während der Workshops lag der Fokus auf dem branchenspezifischen Erfahrungsaustausch. Dieser interaktive Austausch auf Augenhöhe wurde von den Teilnehmenden besonders geschätzt.

Die Workshop-Inhalte und Ergebnisse wurden auf einem geteilten Mural-Board dokumentiert und den Teilnehmenden dauerhaft zur Verfügung gestellt.

LÖSUNGEN

Im Projekt entsteht kein fertiges KI-Strategiekonzept, sondern praktische und zugängliche Ansätze für die Nutzung von KI im Ingenieur- und Planungswesen der Baubranche:

  • KI als Assistenz: Unterstützung statt vollständiger Automatisierung
  • Bedarf vor Technologie: Ausgangspunkt ist die konkrete betriebliche Herausforderung
  • Klare, einfache Regeln statt komplexer Richtlinien
  • Schrittweises Vorgehen: Trial-and-Error, aber kontrolliert

„Wir wollen wieder mehr planen – und weniger ‚Halbjurist‘ sein. Die Kreativität soll KI uns nicht abnehmen, sondern stärken.“ – Teilnehmerin

ERGEBNIS

Das wichtigste Ergebnis:

Die teilnehmenden Unternehmen aus dem Anwendungsprojekt haben nun eine Grundlage für die Erarbeitung einer individuellen KI-Strategie und sind dadurch handlungsfähig.

Sie können:

  • Potenziale von KI-Lösungen im eigenen Betrieb besser einschätzen,
  • Risiken verstehen,
  • konkrete nächste Schritte planen
  • sowie die methodischen Werkzeuge anwenden, um den Transfer in die eigene Unternehmenspraxis erfolgreich zu meistern.

Eine wesentliche Erkenntnis aus dem Projekt ist zudem der Wert des Erfahrungsaustauschs und der brancheninternen Diskussionen: „Der fachspezifische Austausch war sehr hilfreich. Es braucht mehr Angebote für den branchenspezifischen Austausch untereinander.“

So kann eine proaktive, offene zentrale Haltung entstehen:

„Wir wollen KI nutzen, um unseren Alltag zu erleichtern, sicher und verantwortungsvoll – ohne den Menschen aus dem Fokus zu verlieren.“

Kontaktmöglichkeit

Anne Lammich

anne-liese.lammich@businessschool-berlin.de

+49 331 / 730404 – 303

Karoline Karl

karoline.karl@businessschool-berlin.de

+49 331 / 730404 – 301

SCHLAGWORTE